Die wilde Westküste von Franz Joseph bis Abel Tasman
Nach den Fjorden im Süden, geht unsere Fahrt Richtung Southern Alps über Queenstown nach Wanaka. Vorbei an den ruhigen Seen und goldenen Herbstlandschaften rund um Wanaka zieht es uns dann dorthin, wo Neuseeland nochmal eine ganz andere Seite zeigt.
Die Westküste ist rau, unberechenbar und bekannt für ihr wechselhaftes Wetter. Regen, dichte Wälder und tosende Wellen prägen diese Region, die sich wie ein Kontrastprogramm zu allem anfühlt, was wir bisher erlebt haben. Doch genau hier warten einige der eindrucksvollsten Naturwunder der Südinsel – von mächtigen Gletschern bis hin zu goldenen Stränden im hohen Norden.
Die Southern Alps ziehen sich über mehr als 500 Kilometer von Nord nach Süd. Was viele nicht wissen: Diese Bergkette ist geologisch gesehen noch ziemlich „jung“ – und gleichzeitig extrem aktiv. Sie ist durch das Aufeinandertreffen der pazifischen und australischen Kontinentalplatte entlang der sogenannten Alpine Fault entstanden. Hier schieben sich die Erdplatten seit Millionen Jahren aneinander vorbei und übereinander – ein Prozess, der die Berge bis heute jedes Jahr um mehrere Millimeter wachsen lässt.
Gleichzeitig arbeiten Wind, Regen und vor allem Gletscher permanent dagegen an und tragen die Berge wieder ab. Genau dieses Zusammenspiel formt die dramatischen Landschaften, die wir heute sehen: schroffe Gipfel, tiefe Täler und gewaltige Gletscherzungen.Besonders faszinierend ist, dass einige dieser Gletscher ungewöhnlich weit ins Tal hinabreichen – so nah an den Regenwald wie fast nirgendwo sonst auf der Welt.
Wanaka – Goldene Herbsttage zwischen Bergen und See
Nach den wilden, fast dramatischen Landschaften im Westen rund um Te Anau und den Milford Sound fühlt sich die Ankunft in Wanaka wie ein tiefes Durchatmen an. Die Fahrt dorthin führt uns über Queenstown, vorbei an kurvigen Straßen und spektakulären Ausblicken. Hinter jeder Kurve eröffnet sich ein neues Panorama – schroffe Berge, weite Täler und immer wieder dieser Blick in die Ferne, der einen kurz innehalten lässt. Und dann liegt er plötzlich vor uns: der Lake Wanaka. Ruhig. Klar. Fast spiegelglatt. Mit rund 45 Kilometern Länge gehört er zu den größten Seen Neuseelands. Entstanden ist er – wie so viele Landschaften hier – durch gewaltige Gletscher, die sich während der letzten Eiszeit ihren Weg durch die Täler gebahnt haben und diese beeindruckende Kulisse hinterlassen haben.
Trotz seiner Beliebtheit wirkt Wanaka entspannter als viele andere Orte. Weniger hektisch als Queenstown, weniger laut.
Der Herbst zeigt sich von seiner schönsten Seite. Goldene Bäume, klare Luft, warmes Licht. Alles wirkt intensiver.
Wir brechen auf zu unserer ersten gemeinsamen Wanderung: dem Roys Peak. Über 800 Höhenmeter liegen vor uns. Der Weg zieht sich in langen Serpentinen den Hang hinauf. Kein Schatten – nur wir, der Weg und die Aussicht, die mit jedem Schritt größer wird. Unter uns liegt Wanaka, der See zieht sich wie ein Band durch die Landschaft, eingerahmt von den Bergen der Southern Alps. Alles wirkt plötzlich ruhig, fast still. Auf dem Weg begegnen uns immer wieder Schafe und Kühe – ein typisches Bild für Neuseeland, das hier fast schon selbstverständlich dazugehört. Zurück unten lassen wir den Tag langsam ausklingen. Wir spazieren am Ufer entlang und besuchen den wohl bekanntesten Fotospot der Region: den That Wanaka Tree. Ein einzelner Baum, der scheinbar mitten im Wasser steht. Gewachsen aus einem alten Zaunpfahl, wie man sagt. Einfach – und trotzdem irgendwie besonders.
Am Abend zieht es uns ins Big Fig. Ein kleines Restaurant, das auf Slow Food setzt – frische Zutaten, ehrliche Küche, unglaublich viel Geschmack. Genau das Richtige nach einem langen Wandertag. Und ehrlich: Es ist so gut, dass wir direkt noch ein zweites Mal wiederkommen. Wanaka hat so viel noch zu bieten, dass wir am liebsten ein bisschen länger bleiben würden.
Franz Josef – Gletscher, Regenwald und Perspektivwechsel
An der Westküste Neuseelands scheint der Regen fast zum Alltag zu gehören – mit rund 300 Regentagen im Jahr haben wir auch eine Erklärung warum die Temperatur sinkt und wir nichts sehen. Auf unserer Fahrt über den Haast Pass merken wir erst viel später, dass wir ihn im dichten Regen tatsächlich schon hinter uns gelassen haben. Die Sicht: gleich null. Und trotzdem hat diese Strecke ihren ganz eigenen Charme. Immer wieder halten wir kurz an kleinen Wasserfällen, die durch die starken Regenfälle noch kraftvoller wirken.
Die Westküste gehört zu den feuchtesten Regionen Neuseelands – genau deshalb wächst hier ein unglaublich dichter, fast urzeitlicher Regenwald, der sich bis direkt an die Berge und Gletscher zieht. Ein kleiner Lichtblick nach den verregneten Stunden: ein Abend im Whirlpool unter freiem Himmel. Über uns Sterne, um uns herum nichts als Natur. Genau diese Momente sind es, die hängen bleiben!
Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zum Franz Josef Glacier. Und der Anblick stimmt nachdenklich. Der Gletscher hat sich in den letzten Jahren massiv zurückgezogen. Was früher noch leicht zugänglich war, liegt heute deutlich weiter entfernt. Ein sichtbares Zeichen dafür, wie stark sich die Natur hier verändert.
Doch dann haben wir tagsdrauf Glück und die Westküste zeigt sich von ihrer anderen Seite: Frischer Neuschnee auf den Gipfeln, die Sonne bricht durch die Wolken – und wir entscheiden uns für ein echtes Highlight. Ein Helikopterflug über die Southern Alps.
Plötzlich liegt alles unter uns: Gletscher, zerklüftete Bergketten, endlose Weite. Die Southern Alps ziehen sich wie ein Rückgrat durch die Insel und beherbergen die höchsten Berge Neuseelands. Durch ihre Lage wirken die Southern Alps außerdem wie eine Wetterscheide: Während sich an der Westküste feuchte Luftmassen stauen und für extrem hohe Niederschläge sorgen, ist es auf der Ostseite oft deutlich trockener und sonniger. Wenn ich von oben auf diese Bergkette blicke, wird mir erst bewusst, wie lebendig diese Landschaft eigentlich ist. Wir fliegen am Mount Cook vorbei und über das Tasman Valley. Dabei entdecke ich den Gletschersee samt seiner Eisberge, wo ich vor 1,5 Wochen noch wandern war. Ein Moment, der sich kaum in Worte fassen lässt.
Pancake Rocks – Wenn das Meer auf Stein trifft
Nach einer stürmischen Nacht nahe Barrytown geht es weiter Richtung Norden – die letzte große Etappe auf der Südinsel beginnt. Unser Stopp: die berühmten Pancake Rocks. Schon beim ersten Blick wird klar, warum sie so heißen. Die Felsen sehen aus, als wären sie aus unzähligen dünnen Schichten übereinandergestapelt – wie ein riesiger Stapel Pfannkuchen. Entstanden sind sie über Millionen Jahre durch Ablagerungen von Kalk und Druck aus dem Meer.
Wir laufen den Rundweg und sind fast überrascht, wie gut erschlossen dieser Ort ist. Nach all den abgelegenen Spots wirkt es hier fast schon… belebt. Doch die Natur stiehlt trotzdem die Show. Die Wellen schlagen laut gegen die Felsen, Wasser schießt durch sogenannte Blowholes nach oben – besonders bei Flut ein beeindruckendes Schauspiel. Danach geht es mehrere hundert Kilometer Richtung Norden bis hin zum Motueka Valley. Die Landschaft verändert sich erneut: sanfter, weiter, fruchtbarer. Felder mit Mais, Hopfen und Wein ziehen an uns vorbei. Immer wieder entdecken wir kleine Stände mit regionalen Produkten – von Kürbissen bis Oliven. Ein Vorgeschmack auf das, was uns im Norden erwartet.
Abel Tasman Nationalpark – Goldene Strände und entspannte Tage
Und dann erreichen wir ihn: den Abel Tasman National Park. Der kleinste Nationalpark Neuseelands – und vielleicht einer der schönsten. Hier verändert sich wieder alles. Statt rauer Küste erwarten uns goldene Sandstrände, türkisblaues Wasser und sanfte, bewaldete Hügel. Ein Ort, der fast schon mediterran wirkt. Einer der berühmten Great Walks Neuseelands führt genau hier entlang – der Abel Tasman Coast Track. Und genau einen Teil davon laufen wir.
Unsere Etappe führt uns bis zur Stillwell Bay. Immer wieder eröffnen sich neue Buchten, kleine Strände, glasklares Wasser. Die Gezeiten prägen hier den Rhythmus – Wege, die bei Ebbe begehbar sind, verschwinden bei Flut einfach wieder. Es ist warm genug, um barfuß am Strand zu laufen. Ein Gefühl von Leichtigkeit.
In Kaiteriteri entdecken wir immer wieder Schilder, die auf kleine blaue Pinguine hinweisen – die kleinste Pinguinart der Welt. Und tatsächlich: Nachts hören wir sie sogar bis zu unserem Balkon. Ein surrealer Moment. Dazu dieser Himmel: klar, voller Sterne, die Milchstraße deutlich sichtbar. Morgens werden wir mit einem Sonnenaufgang belohnt, der alles in goldenes Licht taucht. Ich denke mir nur: Hier hätte ich noch so viel länger bleiben können. Doch nun ruft die Nordinsel und die Fährtickets sind schon organisiert.
Und so neigt sich langsam die Zeit auf der Südinsel zu Ende und die Fähre von Picton nach Wellington wartet…
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