Wandern auf Madeira
Eine wackelige Landung im ersten Anlauf, man war ich froh endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Es ist keine Seltenheit, dass mehrere Anläufe nötig sind bis der Pilot die Maschine sicher landen kann, Grund hierfür sind die Schärwinde die den Flugbetrieb fest im Griff haben – nichts für schwache Nerven.
Es ist November, die Sonne scheint, Palmen säumen die Küste, Bananenplantagen fallen mir ins Auge als wir mit dem Mietwagen nach Prazeres fahren. 13 Tunnel durchfahren wir bis zu unserem Ziel an der Steilküste. Meer soweit das Auge reicht, eine frische Brise Salzwasser, sattes Grün rechts und links von mir. Willkommen geheißen ganz typisch mit Poncha und warmen Worten, fühle ich mich direkt wohl und gut aufgehoben. Die kommenden Tage wollen wir viel Wandern auf Madeira, in den Atlantik hüpfen und das quirlige Inselleben aufsaugen. Vor Freude und Abenteuerlust komm ich kaum in den Schlaf die erste Nacht.
Levada-Wanderung bei Rabacal
Es blüht an jeder Ecke, Eukalyptus Bäume versprühen ihren ganz besonderen Duft als wir uns die Kehren empor wagen. Hinter jeder Kurve tiefes Durchatmen wenn mal keine Kuh die Fahrspur blockiert. Diese neugierigen Tiere halten ihre Köpfe in unser offenen Fenster und sind völlig unbeeindruckt wenn ein kleiner Stau der sich bildet. Auf dem Hochplateau angekommen eröffnen sich fantastische Ausblick auf die Insel. Kleine Dörfer und viel unberührte Natur eröffnet sich vor uns. Das erste Ziel sind 7 versteckte Wasserfälle bei Rabacal (PR6 Levada das 25 Fontes/ Levada do Risco). Durch falsches Abbiegen nach nur 5m Weg waren wir allein an der Levada Almacin unterwegs. So viel Ruhe- nur das leise Wasserplätschern der Levada und Vogelstimmen waren zu vernehmen. Nach knapp 3km treffen wir auf die ersten Wanderer, am Forellenteich und ersten Wasserfall unserer Tour sind wir hin und weg. Durch die Farne und Nutznießer auf den anderen Bäumen kommt es einen fast wie im Regenwald vor, die Bäume wachsen teils 180° schief/waagerecht von den Felsen, an einigen Stellen können wir den Atlantik glitzern sehen. Ein 100m abstürzender Wasserfall Risco lag als nächstes auf unserer Route, das Rauschen der Wassermassen versprach einen tollen Anblick. Über die Casa de Rabacal (ein kleines Ausflugslokal) ging es wieder entlang einer Levada zu den nächten Wasserfällen. Auf dem Rückweg machte sich zum späten Nachmittag Nebel breit auf dem Hochplateau, sodass mit Sichtweiten unter 10m wir uns ganz langsam dem Parkplatz wieder näherten. An der Unterkunft wurde uns erklärt, dass man auf Madeira jedes Wetter jederzeit erwarten muss und es immer einen regenfreien Ort irgendwo auf der Insel gibt.






Küstenstraße von Prazeres nach Porto Moniz
Die nächsten Tagen waren unter anderem die Küstenstrecke von Prazeres nach Porto Moniz einer unserer Lieblingsstrecken, sehr kurvig, viele niedliche Häuser, kleine Eukalyptus-Wälder, wilde Orchideen und Steilküste mit Blickrichtung Amerika (Ponto do Pargo – Leuchtturm). Um zum Leuchtturm zu gelangen parken wir das Auto im Ort und versuchen auf gut Glück den Weg zu finden. Selbst als wir auf Schilder stoßen haben wir die Wahl rechts oder links entlang zu laufen und hören weiterhin wohl besser auf unser Bauchgefühl. Am Leuchtturm windet es ungemein, Kaputzen auf und Aussicht über die Steilküsten genießen wir trotzdem. Durchgepustet laufen wir zurück zum Wagen und setzen unsere Tour fort. Einige Kurven und ORte weiter können wir dann bei Anfahrt auf Porto Moniz einen schönen ersten Überblick von oben herunter bekommen. In Porto Moniz direkt konnten wir noch das Atlantikfreibad natürlichen Ursprungs besichtigen und baden – 20° Wassertemperatur im November! Welch es Spaß wenn die großen Wellen über das Vulkangestein einbrachen und kleine Fische in die natürlichen Becken spülten.
Weitere traumhafte Strecke führte uns von Prazeres über Seixal nach Sao Vincente. Hier fährt man nach überwinden der Inselmitte direkt parallel zur Wasserkante des Atlantik, sodass immer mal wieder große Wellen über die Mauern kommen und die ganze Straße in einen Fluss verwandeln. Zurück wählten wir den Enacumeda Pass und hielten an den Miradouros um die Inselweiten Aussichten zu genießen. An einem Punkt gesellten sich Einheimische zu uns, bauten ihren Grill auf und luden uns ganz spontan zu einem Glas Wein und heißen Esskastanien ein. So viel Gastfreundschaft und Offenheit begeistert mich!



Aufregende Bergtour zum Pico Ruivo
Die wohl spektakulärste Wanderung auf Madeira ist zum Pico Ruivo, dem höchstgelegensten Gipfel der Insel. Ausgestattet mit Mütze und Taschenlampe machten wir uns schon früh auf den Weg zum Ausgangspunkt der Wanderung, der Wetterstation auf dem Pico Areeiro. Schroffe Felsen, sehr schmale Pfade und lange dunkle Tunnel erwarteten uns. Viele Treppen und ein ständiges Auf und Ab machten aus dieser Wanderung das perfekte Cardio Training. Der gut markierte Weg entlang der Felskanten wurde immer wieder von Rangern patrouilliert, die ihr Wissen über Flora und Fauna gerne teilten. Immer noch waren die Folgen der riesigen Waldbrände von 2014 zu sehen – schwarze Wälder und teils verbranntes Geländer entlang des Weges. Knappe 5 Stunden haben wir für Hin- und Rückweg sowie einer langen Verschnaufpause am Gipfel gebraucht. Zeitweise waren wir über den Wolken, doch die Sonne blieb uns bis zum letzten Schritt ein treuer Begleiter. Stolz und erschöpft fielen wir diesen Abend in die Betten.





Rauer Wind und viel Sonne auf der Landzunge
Zur Abwechslung gab es dann am Folgetag erst die Besichtigung der inseleigenen Zuckerrohrfabrik (natürlich notwedig für den Poncha) in Calheta bevor wir dann Funchal zu Fuß erkundeten. Im November lohnen sich dann allerdings die botanischen Gärten nicht mehr, das bunte Treiben in der Markthalle sowie die erste Weihnachtsbeleuchtung in den ganzen Gassen erheiterte uns sehr. Wir naschten Pastel de Nata und entschleunigten bei einem guten Buch im Park nahe des Hafens.
Eine weitere sehr empfehlenswerte Tour machten wir von Ponta Delgada entlang der Berg-Küstenstraße bis hin nach Canical. Die Straße führte über Boaventura, Cabanas und San Jorge – allesamt süße kleine Dörfer entlang der Küsten. Wundervolle Aussichten, und immer dieses frische Grün entlang der Straße. Die vielen gewundenen Kehren und Tunnel meisterten wir oft nur im Schritttempo. An jedem Miradouro eröffneten sich neue traumhafte Aussichten, bei denen wir stillschweigend vor Begeisterung nebeneinander standen und den Moment aufsaugten. Weinreben, Palmen, Bananenbäume – der wilde Mix nahm einfach kein Ende bis wir am letzten Parkplatz vor der Inselspitze ankamen. Ab hier gab es nun keine Vegetation und somit auch keinen Schatten mehr. Dennoch ließen wir uns es nicht nehmen über die sandigen Wege bis zum gefühlten Ende der Insel zu wandern. Das Felsgestein sowie auch der Boden nahmen alle Farben zwischen gelb und rot an. Diverse Gesteinsschichten waren erkennbar und deuteten die wilde Geschichte der Inselentstehung an. Durch Erosion und Einfluss des Meeres hatten sich hier mittlerweile auch Felsbögen und andere interessante Gesteinsformationen gebildet. Zum Glück gab es hier die ein oder andere Stelle um die glühenden Füße nach der Wanderung ins Wasser zu halten.





Mystische Stimmung im Nebelwald
Eine ganz gegesetzliche Natur erlebten wir bei der Levadawanderung im Riberio Frio (PR10) – dem Nebelwald auf Madeira. Gut ausgeschildert zieht sich diese Levada 11km entlang der Felsen Richtung Pontela. Durch den Wald war es trotz 27°C angenehm feucht und kühl in der Luft, was perfekte Bedingungen für Baumfarne und Kiefern hier ist. Auf dem Weg eröffneten sich immer wieder Blicke auf die höchsten Gipfel, die wir die Tage zuvor erklommen hatten sowie die kleinen Küstenorte zwischen Ponta Delgarda und Carnical. Die Tour führte durch Wasserfallbecken, schwarze Schafen begegneten uns und wieder war die Taschenlampe hilfreich bei den kleinen Tunneldurchquerungen und engen Felsspalten durch die der Wanderweg führte.
Madeira ist eine vielseitige Insel, die es locker mit den karibischen Inseln (was die Vegetation angeht) mithalten kann. Strände sucht man hier vergebens, die Vulkangestein-Wasserbecken schaffen jedoch einen eben würdigen Ausgleich. Wer gerne wandert, die Natur liebt und Abenteuer sucht ist auf dieser Atlantikperle genau richtig. Die Inselbewohner tragen mit ihrer Gastfreundschaft und Offenheit zum rundherum Wohlfühlen bei! Selten habe ich eine so saubere und vielfältige Insel erlebt, die selbst im November unbedingt eine Reise wert ist.




Madeira im Überblick
Auf Madeira hat man die Qual der Wahl von Airbnb, Ferienwohnungn, Pensionen bis hin zu Hotels verschiedenster Kategorien. Was man beachten sollte ist die Entfernung zum Flughafen und in welcher Höhenlage die Unterkunft sich befindet.
Im Wesentlichen gibt es Unterschiede zwischen Nord – und Südküste. Die Nordküste ist regenreicher hat dafür aber die vulkanischen Meerwasserpools. Die Südseite hat viele kleine Orte, welche durch Tunnel verbunden sind. Wir haben uns aufgrund unserer Vorliebe zum Wandern ein kleines Hotel in der Nähe von Prazeres gesucht um kurze Wege zu den Ausgangspunkten unserer Wanderungen zu haben.
Insel des Frühlings ist der Beiname Madeiras. Egal zu welcher Jahreszeit blüht und duftet eine Vielzahl an Pflanzen. Besonders im Frühling und Sommer stehen die meisten Blüten in voller Pracht. Aufgrund der Lage mitten im Ozean herrscht gemäßigtes warmes Klima mit frischen angenehmen Winden. Im November hatten wir noch 27°C und konnten baden gehen.
- Levadas
Das sind kleine Wasserkanäle die von Nord nach Süd mehrere hunderte von Kilometer gebaut wurden um die Bewässerung der Felder und Hänge im Süden zu gewährleisten.
Heute befinden sich entlang jener Levadas wunderschöne kleine Pfade und Wege quer durch die Natur. Die Wanderwege sind sehr gut ausgeschildert und mit Streckenprofilen versehen. Besonders gut hat uns der Wanderreiseführer von Rother geholfen die schönsten Strecken zu planen.
- Porto Moniz und die Lavabecken
Als Vulkaninsel aus dem Meer gehoben, sind nicht nur Steilküste und schroffe Berge das Ergebnis. Vor allem im Inselnorden um Porto Moniz kann man das Vulkangestein im Atlantik sehen, wie es natürliche Wasser becken geformt hat. Einige sind sogar zu richtigen Schwimmbädern ausgebaut worden. Andere naturbelassene Becken laden über kleine Stufen hinab ein ins kühle Nass zu steigen. Für die bewirtschafteten Schwimmbecken mit Bademeister und Duschen wird es Eintritt in Höhe von 1,60€ erhoben (Stand Nov 2019).
- Nebelwald/ Riberio Frio
Der Nebelwald am Hochplateau ist mystisch und romantisch zu gleich. Die Wolken hängen tief und die Luftfeuchtigkeit entsprechend hoch. Aber selbst bei dieser eingeschränkten Sicht lohnt sich eine Tour entlang zum Beispiel einer Levada (PR10 – Levada do Furado)
- Wanderung zur Inselspitze
Vom Nebelwald zum stärksten Kontrastpunkt sind es Luftlinie nur wenige Kilometer. Im Nordosten der Insel erstreckt sich eine karge, vegetationslose Landspitze in den Atlantik. Und dennoch ist dies ein sehenswerter Ort vor allem weil es keinen vergleichbaren Ort gibt und schöne Aussichten vor allem Richtung Porto Santo geboten werden.
Das Lokalgetränk und Allheilmittel Poncha besteht aus Rum, Zitronensaft und Honig. Oft bekommen wir es nach dem Essen oder als Willkommensgetränk gereicht, man trinkt hier selbstverständlich auf die Gesundheit. Auf der Insel gibt es sogar noch eine eigene Rumproduktion die nur einmal im Jahr Saison hat und dann aber rund um die Uhr arbeitet. Die restliche Zeit des Jahres kann man die kleine Produktionsanlage ohne Eintritt zu zahlen besuchen.
Unsere Lieblingsnascherei aus Portugal können wir auch auf Madeira in so ziemlich jeder Bäckerei bekommen: Pastel de Nata. Leckere kleine Blätterteigküchlein mit vanilliger Crème gefüllt sind einfach unser Lieblingssnack für Zwischendurch.


